Sie haben Ihre Leidenschaft für die Jagd erst spät entdeckt …

Ich war über 40 Jahre alt, als ich das erste Mal auf die Jagd ging. Aber meine Leidenschaft ist schon viel früher erwacht. Mein Großvater hat sie entfacht und zwar mit seinen Erzählungen über das Wildern. Es war aber nicht die Bewunderung für eine illegale Tätigkeit, sondern mein Großvater hat einfach gute Geschichten erzählt. Es hat mir als Bub unglaublich imponiert, was er auf der Jagd alles erlebt hat.

Seit wann sind Sie selbst Jäger?

Streng genommen bin ich immer noch kein Jäger, weil ich keinen Jagdschein habe. Aber hierbei geht es um so viel mehr. Für mich steht das historische Interesse im Vordergrund. Für mich ist die Jagd eine Rückkehr zu den Wurzeln des Menschen. Ich möchte wissen, wie wir Menschen früher, vor 10.000 Jahren, gelebt haben.

Damals war alles viel logischer, alles viel unmittelbarer. Die Vergangenheit zu verstehen, ist wichtig, um uns selbst besser zu verstehen. Wenn der Mensch heute eine Expedition am Berg unternimmt, abseits jeglicher Zivilisation, tickt er ganz anders, wahrscheinlich ähnlich wie vor Tausenden von Jahren. Und das kann man auch auf die Jagd übertragen: Die Jagd ist ein durch und durch archaisches Erlebnis.

Wie meinen Sie das?

Als beispielsweise mein Sohn seinen ersten Rehbock geschossen hat, war er 16 und wirklich heiß auf den Abschuss. Er hat eine Weile gebraucht und als er das Tier geschossen hatte und es dann dalag, hat er geweint. Es war ein sehr starkes emotionales Erlebnis, weil er sich dessen Bedeutung bewusst wurde. Er hat lange und mit viel Energie auf dieses Ziel hingearbeitet. Und dann ist es trotzdem ein Töten; es ist trotzdem etwas, das auch traurig stimmt.

Und dennoch ist er heute Jäger?

Der Trieb zum Jagen ist schon viel zu lange in uns drinnen: Wir sind seit jeher Jäger und Sammler und werden das auch immer bleiben. Wir hätten früher ohne die Jagd nicht überlebt. Natürlich hat sich mittlerweile vieles geändert. Der Mensch hat die Welt bis in den letzten Winkel erobert und heute versucht er, durch die Jagd ein Gleichgewicht in der Natur aufrechtzuerhalten. Aber dennoch geht es auch heute immer noch um dieselben Emotionen wie früher.

Welche Emotionen verbinden Sie mit der Jagd?

Ich war zur Jagd in vielen verschiedenen Ländern eingeladen. Aber das schönste Erlebnis hatte ich in Butan, als ich ein Blauschaf schießen durfte. Ein wunderbares Tier mit geringelten Hörnern, das normalerweise auf über 5.000 Metern lebt und schwierig zu jagen ist. Es war nicht einfach, doch umso schöner war der Erfolg, es war ein unvergesslicher Augenblick für mich. Und gerade in solchen Momenten merke ich, wie archaisch die Jagd ist und welches Glück ich habe, das so bewusst zu erleben.

Wann waren Sie das letzte Mal auf der Jagd?

Im Herbst. Ich habe zwar nichts geschossen, aber das ist mir völlig egal. Ich habe einige schöne Tiere gesehen, aber es war nicht richtig abzudrücken. Es geht mir auch nicht um den Abschuss, es geht um viel mehr: Ich will inmitten der Natur sein und sie verstehen, ich will sie lesen können.

Ist das die größte Gemeinsamkeit für Sie zwischen der Jagd und dem Bergsteigen?

Es ist ein gemeinsamer historischer Grundgedanke. Die ersten Menschen, die vor 200 Jahren aus den Städten zu uns gekommen sind, um die Alpen zu besteigen, haben sich Einheimische als Führer gesucht, allein hätten sie das niemals geschafft. Sie haben vor allem Jäger und Wilderer angeheuert, weil diese die Tierpfade kannten.

Die Tiere haben die Wege auf die Berge gefunden und dort, wo die Tiere gehen, können auch Menschen gehen. Nicht umsonst ist der Erstbesteiger des Ortlers ein Jäger, der über Jahre hinweg die Gämse beobachtet und dann denselben Weg genommen hat. Das Bergsteigen hat mit den Tieren begonnen. Es ist archaisch und basiert auf alten Weisheiten – ebenso wie das Jagen.