Was ist für Dich das Besondere am Erleben der Natur, der Bewegung in den Bergen?

Das ist ganz simpel: Es tut einfach gut tut. Dieses positive Gefühl rührt daher, dass wir Menschen der Natur entstammen. In gemäßigten Breiten konnten und können wir viel Zeit draußen leben. Immer wenn ich rausgehe, ist das wie ein Zurückkehren zu jener Umgebung, wo wir ursprünglich herkommen.

Die meisten Menschen verbringen den Großteil ihrer Lebenszeit drinnen. Sollten wir mehr in die Natur gehen?

Wir sollten den Kontakt zur Umwelt nicht verlieren. Ja, ich bin der Überzeugung, dass es sogar für unsere Zivilisation enorm wichtig ist. Das Problem ist die rasante Entwicklung der modernen Kommunikation: Wir sind heute immer und überall erreichbar – auch am Berg und in der Natur.

Dabei stellt sich die Frage: Was macht das mit uns? Und wie verändert es die Menschheit? Die Leute stehen mit ihren Handys – auch im Gelände – unter Dauerstress: Kommt eine Message oder kommt keine? Dieser Umstand nimmt den Menschen die Möglichkeit, sich in der Natur zu entspannen. Es ist besser, draußen offline zu sein.

Der Psychotherapeut und begeisterte Bergsteiger Viktor Frankl hat Bergsteigen als „Sinnerfahrung“ umschrieben. Wie ist Dein Zugang zu den Bergen?

Diese Selbstverständlichkeit, einfach rauszugehen, draußen zu sein, macht Sinn. Das kannst du auch bei allen anderen Lebewesen beobachten: In der ursprünglichen Umgebung fühlt sich jedes Tier am wohlsten und lebendigsten. Ein weiterer Aspekt ist: Wenn ich es auf den Gipfel schaffe, dann bleibt das in meiner Erinnerung.

Diese Erinnerung schafft definitiv ein sinnstiftendes Gefühl. Durch diese besonderen Erfahrungen und Momente in der Natur entstehen viele Erinnerungen. Diese kann ich auch noch viele Jahre später abrufen. Man schreibt bei jeder Tour etwas in sein „Buch der Erinnerungen“.

Macht Natur glücklich?

Definitiv. Auch Essen macht glücklich, weil wir es zum Leben brauchen. Alles, was wir zum Leben brauchen, macht zufrieden und glücklich – so auch die Natur.

Welche Ziele setzt du dir am Berg?

Wenn du Bergsteigen als Sport betrachtest, ist das Ziel, den Gipfel zu erreichen. Damit erweiterst du deinen Horizont. Aber es muss nicht immer schneller, höher, weiter sein. Ich habe heute auch nicht mehr dieselben Ziele, wie vor 20 Jahren. Für mich zählt viel mehr das Draußensein am Berg und über den Dingen zu stehen ...

Wie geht man mit dem zunehmenden Alter beim Klettern um?

Man spürt die Grenzen und akzeptiert sie. Daran kommst du nicht vorbei.

Viktor Frankl hat auch erst mit 80 Jahren zum Klettern aufgehört ...

Mein Vater geht auch noch mit 70 klettern. Wenn du älter bist, legst du andere Maßstäbe an. Du hast mehr Erfahrung, mehr Wissen gesammelt und kannst daraus Kraft schöpfen.

Was braucht man alles, für eine einfache bis mittelschwere Tour in den Bergen?

Das Wichtigste ist: Begeisterung, völlig unabhängig, was du beruflich machst oder woher du kommst. Leidenschaft und Begeisterung sind die wichtigsten Triebfedern.

Dein Ratschlag für die ideal abgestimmte Wandertour?

In den Alpen kann das Ziel natürlich der Gipfel sein. Ein schönes und lohnendes Ziel ist aber auch eine Alm, wo es eine Jause gibt. Denn das Gesellschaftliche und der Genuss gehören genauso zu einer Wandertour.

Lernt man beim Bergsteigen auch für das Leben?

Bergsteigen kann eine gute Unterstützung für viele Lebensbereiche sein. Beispielsweise, wenn es um Situationen der Entscheidungen geht, aber auch, um sich selbst besser einschätzen zu können.

Deine Lieblingstour?

Ich liebe es in den Alpen unterwegs zu sein. In ihrer vielseitigen, kleinräumigen Struktur sind die Alpen für mich das schönste Gebirge der Welt.

Dein schönstes Bergerlebnis?

Das eine, schönste Erlebnis gibt es nicht. Es ist die Summe aller Erfahrungen, die den Reichtum und die Schönheit ausmachen ...