Claudia, Tom, Sie beide kennen sich?

Claudia Lösch: Ja, wir sind uns schon häufiger über den Weg gefahren. So viele Rollifahrer gibt’s im Waldviertel ja nun auch wieder nicht …

Tom Gschwandtner: Wir kennen uns ja nicht nur vom Sehen. Wir haben uns vor Jahren in der Rehaklinik getroffen.

Sie sind beide querschnittsgelähmt. Was ist geschehen?

TG: Ich war 26 als es passierte. 1995. Ein Autounfall. Ich saß hinten und erlitt Frakturen des 6. und 7. Halswirbels. Ich bin seitdem vom Rumpf abwärts gelähmt.

CL: Ich war fünf Jahre alt, als ich 1994 nach einem Autounfall in den Rollstuhl kam. Meine Querschnittslähmung beginnt tiefer als Toms, beim 2. Lendenwirbel. Ich bin deshalb obenrum beweglicher als er.

Was bedeutet Ihnen Fitness?

TG: Fitness, das ist für mich absolute Lebensqualität. Und damit meine ich, rege zu sein – körperlich wie geistig.

CL: Fitness hat für mich zwei Komponenten: Zum einen geht es mir um Fitness im Alltag. Wer will schon nach zehn Minuten des Durch-die-Stadt-Rollens gleich schwitzen? Beim Profi-Sport geht es mir zum anderen um die Attribute, die einen perfekten Sportler ausmachen: Kraft, Ausdauer und vor allem Tempo. Ich liebe Tempo!

Machen Sommer und Winter einen Unterschied?

TG: Ich bin ja – anders als Claudia – nur Alltagssportler. Neben meinem Job, meiner Familie. Ich trainiere sommers wie winters mein Pensum.

CL: Für mich als professionelle Wintersportlerin hat im August bereits die Wintertrainingssaison begonnen, sie geht bis Mai.

Sie trainieren schon wieder auf Schnee?

CL: Ja, ich bin gerade zurück aus dem Trainingslager (Claudia Lösch ist seit 2002 Mitglied des Austria Ski Teams Behindertensport – Anmerkung der Redaktion). Wir haben zwei Wochen in der Nähe von Santiago de Chile trainiert. Als Profi treibe ich natürlich das ganze Jahr über Sport. Im Sommer, also ab Ostern etwa, geht es jedoch vor allem um Kondition.

Wie fit würden Sie sich denn auf einer Skala von 1 bis 10 einschätzen?

CL: Ich gebe mir eine 9,5. Ich fühle mich gerade superfit.

TG: Ich bin fit.

Und wie steht’s um die Ernährung?

TG: Die richtige Ernährung ist wichtig. Jedes Kilo zuviel rächt sich im Rollstuhl.

Sie achten also auf Ihr Gewicht?

TG: Ich esse alles in einer zu mir passenden Menge. Mein Hausverstand hilft mir, Maß zu halten. Und hilfreich ist auch, dass mich Süßigkeiten total kalt lassen.

CL: Ich ernähre mich sehr ausgewogen. Ich esse verschiedenes Fleisch, Fisch, Gemüse … Wichtig ist mir, dass der Teller bunt ist. Mit meiner Mitbewohnerin koche ich sehr gerne und sehr gerne koste ich auch mal was Neues.

Claudia, unterscheidet sich Ihre Ernährung im Winter von der im Sommer?

CL: Klar, im Sommer während des Krafttrainings brauche ich viel Eiweiß, viele Kohlenhydrate. Da esse ich zum Beispiel kiloweise Nudeln.

Claudia, Tom, wie sieht Ihr Trainingspensum an einem normalen Tag aus?

CL: Ein klassischer Wintertrainingstag beginnt schon früh. Etwa gegen halb acht kommen wir in unserem Trainingsgebiet an. Dort starten wir mit dem Aufwärmen und fahren uns ein. Zwei, drei Mal den Hang hinunter, während die Trainer den Lauf abstecken. Dann trainieren wir bis mittags. Nachmittags ist dann ein Fitnessprogramm angesagt: mit Rumpfübungen, Stabilisationstraining, Handergometer oder lockerem Rollen mit dem Rollstuhl, um den Kreislauf anzuregen und das am Vormittag produzierte Lactat abzubauen.

TG: Ich trainiere täglich eine Stunde. Mit Kugelhanteln. Da schiebe ich meine Hand durch den Griffbügel und halte die Kugel mit dem Handgelenk. Ich muss ja jetzt nicht mehr allzu viele Muskeln trainieren, nur Schultern, Bizeps und Trizeps. Dazu kommt meine tägliche Runde durch die Felder. Dabei kann ich gut entspannen. Und die drei bis fünf Kilometer an fünf Tagen die Woche sind natürlich auch Bewegung. Außerdem spiele ich Tischtennis. Das macht Spaß und ist gut für Gleichgewicht und Reaktionsgeschwindigkeit. Das schadet im Alltag ja nicht.

Sie waren nicht immer allein unterwegs, Tom?

TG: Nein, ich hatte jahrelang meinen ausgebildeten Begleithund Nico dabei. Mein Freund fehlt mir seit seinem Tod 2010.

Gibt es auch Zeiten, wo sich der innere Schweinehund meldet? Wie gehen Sie damit um?

TG: Ich habe dazu in meinem Buch „Gelähmt ist nicht gestorben“ (erschien gerade bei Kremayr & Scheriau – Anmerkung der Redaktion) einiges geschrieben: Ich meine, dass man irgendwann gegenüber den kleinen Dingen im Leben Gelassenheit braucht. Man muss sich nicht ständig unnötig aufregen.

Und Sie, Claudia, wie weisen Sie Ihren inneren Schweinehund notfalls in seine Schranken?

CL: Zum Glück meldet der sich nur ganz selten. Im Winter eigentlich gar nicht. Da findet man mich immer irgendwo draußen. Im Sommer gibt es durchaus Tage, zum Beispiel, wenn ich mit dem Rad in den strömenden Regen raus muss. Da bleibe ich dann doch lieber zuhause. Aber ehrlich, ein Tag ohne Sport, das geht gerade so. Zwei Tage ohne geht sich gar nicht aus für mich  …

Nun sind Sie fast immer im Team unterwegs, Claudia, hilft das bei Trainingsmüdigkeit?

CL: Naja, der Ausdauersport im Sommer ist eher was, das ich alleine mache. Im Winter sind wir größtenteils als Gruppe unterwegs. Allein schon wegen der Logistik. Ich fühle mich im Team wohler. Eine Partie Basketball (Claudia bestreitet auch Spiele für den RSC Tirol – Anmerkung der Redaktion) ist mir zig Mal lieber als eine Radtour alleine.

Sie machen Ihren Sport wirklich gerne, oder?

TG: Ich war vor meinem Unfall schon gerne Freizeitsportler. Laufen, Schwimmen – das hat mir viel gegeben. Heute betreibe ich Sport immer noch aus Freude daran. Aber eben auch aus Vernunftsgründen: Ich weiß, dass er mir die eingangs erwähnte Lebensqualität bringt.

CL: Ich liebe meinen Sport! Wenn ich oben auf einem Berg bin und runterschaue und an das mir bevorstehende Spiel mit den Fliehkräften denke, dann ist das einfach nur Wahnsinn!

Sie spüren dabei keine Angst, Claudia?

CL: Klar gibt es auch Situationen, wo ich Angst verspüre. Aber die blende ich aus. Angst als Begleiter macht unsicher – und das wäre gefährlich.

Claudia, Tom, hadern Sie mit Ihrem Schicksal?

TG: Nein, ich hadere überhaupt nicht. Dann müsste ich ja gleich von der Brücke springen. Stattdessen fokussiere ich extrem. Ich habe nach meinem Unfall geheiratet, eine Familie gegründet, arbeite als Grafiker und habe gerade mein erstes Buch geschrieben.

CL: Was soll ich sagen? Ich sitze seit über 20 Jahren im Rollstuhl. An die Zeit davor habe ich keine Erinnerungen. Meine Eltern erzählten mir, dass ich davor gerne schnell gelaufen und früh schon Rad gefahren bin – ohne Stützräder! Ich war wohl immer schon eine Draufgängerin!

Sind Sie heute auch noch eine?

CL: Selbstverständlich! Auch nach solch einem Unfall bleibe ich doch ich selbst … auch wenn der Körper danach anders funktioniert. Bei uns Menschen mit Behinderung ist es genauso wie bei Menschen ohne Behinderung: Wir sind unterschiedliche Persönlichkeiten – die waren wir vor einem Unfall, die sind wir danach. Wer vorher schon viel Sport gemacht hat, tut es danach wahrscheinlich auch wieder. Und wer eher eine Couchpotato war, wird auch im Rollstuhl eher eine sein. Und anders als für Tom, der sich an sein Leben ohne Behinderung ja noch sehr gut erinnern kann, wäre es für mich heute eine riesen Herausforderung, wenn ich plötzlich nicht mehr behindert wäre. Auf einmal laufen zu können, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Das wäre für mich wohl so wie für Tom der Unfall – nur umgedreht.

Spielt eigentlich das Aussehen, sprich: die Figur eine Rolle als Motivation für Ihre sportlichen Aktivitäten? Oder anders gefragt: Sind Sie eitel?

CL: … meine vom Krafttraining fetten Oberarme verschrecken sicher jeden Mann. Im Ernst, wenn ich weiß, dass Fotos geschossen werden, dann bin ich selbstverständlich eitel. Aber sonst rolle ich auch mal mit der Jogginghose los.

TG: Natürlich bin ich auch bis zu einem gewissen Grad eitel. Aber wenn man wie ich auf die Körpersignale hört und entsprechend isst, dann setzt da auch nicht zuviel an. Gewicht und Figur regeln sich dann von selbst.

Haben Sie einen Lieblingsort, wo Sie mit sich ganz eins sind?

CL: Ich fühle mich in dem kleinen Skigebiet Kühtai südwestlich meiner Heimatstadt Innsbruck sehr wohl. Dort bin ich sozusagen skitechnisch zuhause. Dort geht’s aber auch zwischendurch mal nur für eine Portion Kaiserschmarrn hin. Einen besonderen Ort, der vor allem was für meine Seele tut, habe ich: Wenn ich von hoch oben auf der Nordkette aufs Inntal hinunterblicke, dann ist das mein Moment.

TG: Mein Lieblingsplatz ist direkt bei uns am Haus. Wir haben da einen Pool. Und jede Menge Granitstein. Dort fühle ich mich wohl und der Natur sehr nahe.

Tom, wenn Sie schon von daheim reden: Sie haben zwei Kinder. Sind Sie denen in Sachen Fitness ein Vorbild?

TG: Ja. Die zwei sind jetzt zehn und acht Jahre alt. Wir schwimmen zusammen, spielen Tischtennis. Ich begleite die beiden zu ihrem vielseitigen Sportprogramm. Ihr Vorbild bin ich ja nicht nur wegen meiner eigenen sportlichen Aktivitäten, sondern auch dank meiner Grundeinstellung zum Sport. Wäre ich kein Bewegungsmensch, würden die zwei sich sicher viel weniger bewegen.

Claudia, Tom, welche Zukunftspläne haben Sie? Wovon träumen Sie?

CL: Ganz klar: Gold in der Königsdisziplin Abfahrtslauf bei den Paralympics 2018 in Pyeongchang (Südkorea). Dafür trainiere ich.

Und dann?

CL: Meinen Sport könnte ich – so ich denn Lust hätte – noch bis Mitte 30 ausüben. Denn ein Vorteil meiner Behinderung ist, dass mein Sport nicht so auf die Knie und Gelenke geht, wie bei den Profis ohne Behinderung. Neben dem Sport studiere ich Politik und Jura. Das tue ich für die Zeit nach dem Profisport. Denn, auch wenn ich jetzt dank meiner Profikarriere finanziell ganz gut über die Runden komme – für eine Rücklage reicht es dann doch nicht. Bildung und Ausbildung sind mir extrem wichtig!

Und Tom, haben Sie einen sportlichen Traum?

TG: Ich würde gerne mal einen Tandemsprung im Paragliding machen. Das reizt mich. Aber noch muss ich eine Familie ernähren und wenn so ein Sprung schief geht, könnte ich ja im Rollstuhl enden...

Claudia, Tom, wir danken Ihnen für die Einblicke in Ihr Sportlerleben und wünschen Ihnen beiden alles Gute für die Zukunft!