Jutta Kleinschmidt
Motorsportlerin
 

Was war Ihr bisher größtes Abenteuer?
Das war die Paris-Dakar 1992, die quer durch den Kontinent nach Kapstadt führte. Das war ein Riesenabenteuer. Man hat alles gesehen: Wüste, Gebirge und Dschungel. Wie viele Tiere es dort gibt, merkt man erst, wenn man anhält und hört, was dort los ist. Da bekommt man schon mal etwas Angst, dass gleich ein Löwe aus dem Gebüsch springt. Das war auch sicherlich die anstrengendste Dakar. Ich habe jede Nacht höchstens zwei Stunden geschlafen. Aber es ist wirklich erstaunlich, wie man das wegsteckt.

 

Damals sind sie noch Motorrad gefahren, gewonnen haben Sie später im Auto. Wie war der Umstieg für Sie?
Man kann schon viel ins Auto mitnehmen. Ich bin aber anders als viele Motoradfahrer auch schon früh parallel Auto gefahren. Der Umstieg ist mir gut gelungen. Es ist auch wichtig, gleich Erfolg zu haben, denn viele Chancen bekommt man nicht. Es ist nicht so, dass die Sponsoren kommen und sagen: Super, dass du jetzt Auto fährst. Dass ich mir mit dem Motorrad einen Namen gemacht hatte, hat geholfen, Sponsoren fürs Auto zu finden.

 

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen Auto und Motorrad?
Motorrad fahren ist definitiv anstrengender, denn der körperliche Einsatz ist größer. Man steht ja den Großteil der Strecke, um Schläge abzufangen. Im Auto hat man dafür, gerade weil man sitzt, schneller Probleme mit dem Rücken. Es ist auch heißer, weil es keine Kühlung durch den Fahrtwind gibt. Natürlich ist das Motorrad auch viel gefährlicher. Im Auto hat man ein größeres Gefühl der Sicherheit. Wenn etwas passiert, geht zwar das Auto kaputt, aber man selbst hat viel bessere Chancen, unverletzt zu bleiben.

 

Wie schützt man sich in so einem Auto?
Das Rennauto ist mit Überrollkäfig, 6-Punkt-Sicherheitsgurt und Feuerlöschanlage ausgestattet. Zusätzlich trägt man einen feuerfesten Renn-overall, Rennbekleidung und einen Helm mit HANS (Anm.: Head and Neck Support). Das ist ein Sicherheitssystem, das vor Kopf- und Nackenverletzungen schützt.

 

Welche Vorkehrungen trifft man für einen Notfall?
Mit an Bord sind noch 10 Liter Wasser, ein Schlafsack – falls man liegen bleibt -, Geld, Papiere und eine warme Jacke. Dann noch Sandbleche und Schaufeln, vier Ersatzreifen, Werkzeug und ein paar Ersatzteile. Für den Notfall gibt es noch eine Rettungsdecke und Leuchtraketen. Zusätzlich befindet sich im Auto ein GPS-Peilsender, der dem Veranstalter anzeigt, wo sich das Auto befindet und ob es sich bewegt. Zur Kommunikation gibt es ein Satellitentelefon und ein Funkgerät für Notfälle.

 

Wie bereitet man sich auf eine Langstrecken-Rallye vor?
Grundvoraussetzung, um sicher durchzukommen, ist eine professionelle Vorbereitung mit Ausdauer- und gezieltem Krafttraining. Man macht aber auch Gymnastik, um die Gelenke in den Armen, den Beinen und im Nacken geschmeidig zu halten.

 

Wie hält man sich vor Ort fit?
Eine der wichtigsten Regeln lautet, soviel wie möglich zu schlafen, wenn man die Chance dazu hat. Also nicht herumzutrödeln und länger aufzubleiben, auch wenn es manchmal noch schön wäre, mit Anderen Erfahrungen auszutauschen. Bei den großen Teams gibt es auch Physiotherapeuten, die die Fahrer betreuen und frisch halten.

 

Wie ernährt man sich bei einer Rallye?
Der Veranstalter gibt zwar ein Menü vor, aber es gibt zusätzlich auch immer Pasta, schon zum Frühstück. Man nimmt vor allem Kohlenhydrate zu sich, um sich ein Polster für den Tag zuzulegen. Gerade wenn auf der Strecke Probleme, zum Beispiel wenn man im Sand stecken bleibt, auftauchen, wird es schnell einmal sehr anstrengend.

 

Was ist ausschlaggebend für eine fehlerfreie Fahrt?
Speziell im Auto, wo das Fahren selbst nicht so anstrengend ist, ist Konzentration entscheidend. Wer die Konzentration verliert, verliert den letzten Biss und damit Zeit oder macht Fehler. Sie aufrecht zu erhalten schafft man nur, wenn man gut trainiert ist. Das merken auch Leute, die einen normalen Beruf ausüben: Wenn man regelmäßig trainiert, steigt die Konzentrationsfähigkeit. Ich merke das selbst, bei Langstreckenfahrten auf der Autobahn oder wenn ich Vorträge halte.

 

Wie unterscheiden sich Profi-Teams von Amateuren?
Am schwierigsten ist es für Amateure. Je besser das Team ist, desto einfacher wird es gut durchzukommen und desto mehr Leute sorgen dafür, dass das auch klappt. Während viele Privatfahrer, so wie ich anfangs, selber reparieren oder sich einen Mechaniker teilen, hat man in Profiteams dann auch einen Physio. Das Fahrzeug ist bei Profi-Teams natürlich auch schneller. Dafür steigen dann auch die Erwartungen und man muss Leistung bringen. Wenn du Amateur bist, ist es das Größte ins Ziel zu kommen.

 

Warum finden so wenige Frauen den Weg in die Weltspitze?
Das ist natürlich schwer zu sagen. Ich glaube nach wie vor, dass es sich zu wenige Frauen zutrauen und Angst davor haben sich in dieser Männer-Domäne durchsetzen zu können. Ich hatte den Riesenvorteil, dass ich mir immer dachte, warum soll ich das nicht können. Es ist schwierig, jemandem, der ist das nicht von sich aus mitbringt, diese Selbstvertrauen zu geben. Ich arbeite aber gerade an einem Konzept, um mehr Frauen im Rallye-Sport zu etablieren. Ich denke schon, dass es möglich ist, Fahrerinnen in einem Art Trainingslager an den Sport heranzuführen. Das ist aber mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden. Für einen solchen Lehrgang bräuchte man Fahrzeuge, Mitarbeiter und ein entsprechendes Trainingsgelände.

 

Sie sind auch auf Rennstrecken unterwegs. Was macht für Sie den größten Unterschied zwischen On- und Offroad aus?
Offroad hat man nur einen Versuch, bei einer Rundstrecke kann ich mich herantasten. Das macht es aus meiner Sicht etwas einfacher. Es ist aber auch weniger Abenteuer. Wenn man auf einer Rennstrecke die optimale Rundenzeit erreicht hat, ist es nicht mehr so interessant, ich möchte immer etwas Neues erleben. Wenn ich Offroad fahre, weiß ich nie, was hinter der nächsten Düne kommt, was unterwegs passiert. Abenteuer hat für mich viel mit dem ungewissen zu tun. Deshalb ist das wohl meine große Leidenschaft.

 

Ein Worldrallye-Car zu pilotieren hatte sie nie gereizt?
Ich hab das einmal als Opening Car gemacht, es hat mir aber nicht so gut gefallen. Für oft nicht einmal 20 Kilometer Sonderprüfung fährt man 120 Kilometer durch den regulären Straßenverkehr. Trotz des hohen Zeitaufwands ist man dann gesamt nur 200 Kilometer im Renntempo gefahren. Das war mir zu wenig. Fahrerisch ist das natürlich ein super hohes Niveau. Das Abenteuer kommt für mich aber zu kurz.

 

Im Fahrradsattel nehmen Sie dagegen gern Platz?
Ich habe mit Joey Kelly am Race Across America teilgenommen. Das war definitiv eine meiner größten Herausforderungen. Dabei fährt man im Team ohne Pause durch und wechselt sich alle Zwei Stunden ab. Das hört sich eigentlich nicht so schlimm an. Man fährt ja dann nur zwölf Stunden am Tag und den Rest des Tages hat man dann Zeit um zu Essen, Duschen und Schlafen. Wenn man das dann macht, merkt man aber, dass das so, wie man sich das vorgestellt hat, gar nicht funktioniert. Ich habe es natürlich nicht geschafft in den zwei Stunden einzuschlafen. Man duscht, isst und wenn man sich dann hinlegt, ist schon fast keine Zeit mehr. In den achteinhalb Tagen, die wir unterwegs waren, hab ich gesamt eineinhalb Stunden geschlafen. Das hat mir mental den größten Stress verursacht, weil ich selbst gedacht habe, das kann man doch nicht aushalten. Irgendwann auf der Hälfte der Strecke habe ich dann einmal eine ganze Stunde geschlafen. Ich habe nachher geglaubt, ich habe vierundzwanzig Stunden durchgeschlafen. Wahnsinn, was man alles aus einer Stunde rausnimmt. Was der Körper so mitmacht und wie er auf solche Belastungen reagiert kann man nur erleben, wenn man sich solchen Strapazen aussetzt.

 

War das ihre längste Wache-Phase?
Ich habe einmal in meinen Studienzeiten mit einem Freund für eine Vorlesung durchgelernt. Wir haben eine Wette abgeschlossen: Wer zuerst einschläft hat verloren. In Folge haben wir uns gegenseitig beobachtet und sind erst in der vierten Nacht eingeschlafen. Man merkt aber schon was alles nachlässt.

 

Und wer hat die Wette gewonnen?
Er ist zuerst eingeschlafen. Ich hab eine Kiste Champagner gewonnen und anschließend auch die Prüfung bestanden.

 

Aktuell arbeiten Sie mit Firmenkunden als Instruktorin und Vortragende?
Genau, manchmal ist das auch eine Mischung aus beidem. Die Mitarbeiter dürfen bei einem On- oder Offroad-Event ein bisschen fahren, zum Beispiel in Form eines Fahrsicherheitstrainings. Zusätzlich dazu halte ich häufig einen Vortrag. Dabei stehen vor allem Themen, auf die mich meine Rennsportkarriere vorbereitet hat, im Mittelpunkt: Teammanagement, Krisenbewältigung, Entscheidungsfindung. In Hinblick auf meine Karriere habe ich zehn Punkte herausgearbeitet, die wichtig sind, um Erfolg zu haben. In den Vorträgen erzähle ich davon und wie man davon ausgehend den Bogen in das ganz normale Leben schlagen kann. Ich organisiere aber auch ausgefallenere Events, bei denen das Fahren stärker im Mittelpunkt steht, sei es auf der Strecke, Offroad und auch in der Wüste. Vor allem die Events in exotischeren Ländern machen viel Spaß, am liebsten natürlich in Gebieten in denen ich noch nicht war. Das kommt auch immer gut an: Autos, Abenteuer und exotische Länder. Da müsste man schon vieles falsch machen, damit das nicht so wäre.

 

Was steht in Punkto Rennsport als nächstes an?
Ich bin beim 24 Stunden Rennen am Nürburgring für den guten Zweck am Start. Das mache ich natürlich gern, vor allem wenn es auch noch so viel Spaß macht. Wenn jemand mit einem guten Vorschlag kommt, bin ich für alles offen.