Was hat Sie dazu bewogen, nach Ihrer so erfolgreichen, aktiven Karriere als Nordischer Kombinierer in diese Richtung zu gehen?

Die Weichenstellung erfolgte schon zu Beginn meiner Karriere. Meine Entscheidung für den Sport war eine gegen den Weg, unseren Betrieb zu übernehmen. Ich war 13 und kein Supertalent, auf das alle gewartet hätten. Gleich beim ersten Elternsprechtag im Skigymnasium Stams hörte meine Mama: „Nehmen´S den Buben mit heim, das wird nix.“ Im Nachhinein ein Glück, so früh vor dieser Abzweigung gestanden zu sein, an der sich Erfolg jedes Mal wieder neu entscheidet.

1000 Stimmen mit „Geht nicht!“, „Wird nix!“, „Kannst du nicht!“ – eine leise Stimme, die in dir sagt: „Glaub an dich!“ Worauf vertraust du? Meine Eltern und ich vertrauten mir. Ich wurde mein eigener Mentalcoach, ohne dass es mir bewusst war. Je besser ich es schaffte, meine Aufmerksamkeit zu fokussieren, desto besser waren meine Leistungen. Ich lernte, auch Versuch und Irrtum als Training zu sehen.

Je mehr ich mich darauf einließ, desto erfolgreicher wurde ich im Sport. Nach zwei Goldmedaillen in Turin habe ich 2007 aufgehört und das Buch „Ein Tag in meinem Leben“ geschrieben. So kam ich irgendwann auf meinen neuen Traumjob: Viele, auch erfolgreiche Spitzensportler, nützten meine Beschreibungen als mentale Trainingstipps, teilten ihre Erfahrungen und stellten mir Fragen, die ich mir nie gestellt hatte.

Mir wurde klar: Dinge, die bei mir funktioniert haben, funktionieren bei anderen auch! Ich brauchte meine Erfahrungen nur zu ordnen und in Trainingsformate zu bringen, dazu dienten die letzten beiden Jahre im Spitzensport. Elf Tage nach dem letzten Rennen fand in der Therme Loipersdorf mein erstes Seminar statt. Inzwischen sind es weit über 100.

Zu meinen Vorträgen habe ich mit meiner Trainerkollegin Anna Demel bisher fünf aufbauende, öffentliche Trainingsmodule entwickelt mit mehr als 2.000 TeilnehmerInnen, den Rest meiner Zeit füllen Workshops und Programme für Unternehmen und Institutionen.

Wovon können TeilnehmerInnen, die Ihre Vorträge, Seminare oder Workshops besuchen, besonders profitieren, auch wenn sie selber nicht aus dem Leistungssport kommen?

Im oder außerhalb des Sports: Menschen haben dieselben menschlichen Bedürfnisse und unterliegen denselben Prinzipien. Einzig relevanter Unterschied: Erfolg im Sport ist nur möglich, wenn Psyche und Körper als Team optimal kooperieren. Du trainierst zwar für deine Sportart, aber an der Basis geht es immer darum, dein Denken, Fühlen und Handeln so zu steuern und zu synchronisieren, dass du im Moment X deine Leistung bringst.

Das Training der Selbstwahrnehmung und der Selbststeuerung, die Stärkung eigener Ressourcen sind zwar im Sport das Allerwichtigste, aber im Schulsystem und in der modernen Arbeitswelt wird genau das sträflich vernachlässigt. Genau hier setzte ich an, und nein, man muss kein Spitzensportler sein, um sich erfolgserprobte mentale Übungen und Praktiken aus dem Sport zunutze zu machen.

Oft staunen die Teilnehmer selbst, welch große Sprünge sie im Alltag mit kleinen Schritten machen, Wiederholung macht die Meister. Es ist ein spielerischer Zugang, der offen für Neues und Freude am Dranbleiben macht und der vor allem dem Begriff Scheitern seinen Schrecken nimmt.

Wie wichtig ist es für Sie, Werte aus dem Spitzensport wie mentale Stärke und Teamfähigkeit bei Ihren Vorträgen zu vermitteln?

Im Unternehmenskontext geht es ausschließlich um Themen rund um's Team. Die Aufträge sind meist „mehr Teamgeist“, „mehr Kooperation“, „mehr Motivation“, „mehr Kommunikation“. Was ist überhaupt ein Team? Mindestens zwei Menschen, die eine Aufgabe gemeinsam lösen oder ein Ziel gemeinsam erreichen sollen. Gut.

Teamfähigkeit beginnt bei jedem einzelnen Teammitglied selbst, wenn sie bei einem auch gleich dort wieder endet, haben der oder die Betreffende und das Team ein Problem. Da hilft es auch nichts, das ganze Firmengebäude inklusive Website mit Werten wie Vertrauen, Respekt, Fairness, Teamgeist und dem Satz „Der Mensch im Mittelpunkt“ zu tapezieren.

Wenn es keine echte Kultur für die individuelle Entwicklung von Menschen in einem Unternehmen gibt, sind das nur hohle Schlagworte, die noch dazu von jedem entsprechend seiner persönlichen Erfahrungen interpretiert werden. Also von allen etwas unterschiedlich. Der Schlüssel ist auch bei Team-Themen der einzelne Mensch und seine Ressourcen: Wenn ich mit mir selbst gut in Kontakt, also präsent, bin, kann ich mit anderen in Kontakt treten.

Im Sinne von: Ich sehe dich, ich höre dich und du bist mir wichtig. Wenn es gelingt, dieses Klima innerhalb eines Teams zu erzeugen, dann können sich Vertrauen, Zugehörigkeitsgefühl, Konfliktfähigkeit und Teamgeist entwickeln. Der bekannte deutsche Psychotherapeut Wolf Büntig hat dazu gesagt: „Wer selbstbestimmt den Alltag nutzt, um das zu üben, worin man sich verbessern will – wird dies nicht verhindern können!“

Welche Rolle spielte für Sie die heute oft zitierte und von vielen Menschen gesuchte „Work-Life-Balance“ als Spitzensportler? Und wie stehen Sie generell zu diesem Begriff?

Balance ist ein Prozess, kein Zustand! Die Balance suchen, finden, verlieren in ständiger Abfolge – solange wir das tun, leben wir. Der Begriff Work-Life-Balance tut so, als gäbe es zwischen Arbeit und Leben ein exklusives Oder. Inzwischen heißt es Work-Life-Integration: Naja, in der Zeit, in der man über die Begrifflichkeiten nachdenkt, kann man auch was anderes tun. Oder ruhen.

Welche Methoden hatten Sie als Spitzensportler, um mit stressigen Situationen bestmöglich umzugehen, und wie lassen sich diese auch auf den Arbeitsalltag umlegen?

Abgesehen davon, dass Stress viel besser ist, als sein Ruf: Wenn sich Stress in mir so bemerkbar macht, dass ich es selbst mitbekomme, bin ich in der Lage, das Empfinden von Stress zu verändern oder es so zu dosieren, dass es unterstützend wirkt. Wie? Durch bewusstes Atmen! Ist vielen gestressten Menschen als Methode leider oft zu einfach, wirkt aber. Im Sport und überall sonst.

Wie wichtig ist es, bewusst abzuschalten, sich herauszunehmen und Freizeit für sich zu haben? Welche Rolle spielt Sport heute in Ihrer Freizeit?

Für mich ist die Pflege der eigenen Ressourcen Teil meines Berufes. Mein Vorteil: Ich bin derjenige, der am häufigsten meine Vorträge, Seminare und Trainings besucht – hilft auch ;-) Mein Alltag steht gut auf zwei Säulen: Bewegung und Stille. Wenn beides gut integriert ist, fällt es mir auf. Wenn nicht, auch. Dann erinnern mich meine Kinder daran: „Papa, geh trainieren.“

Wie ist es Ihnen gelungen, mit Misserfolgen und Rückschlägen umzugehen und aus schwierigen Situationen gestärkt herauszukommen?

Das eint alle SportlerInnen. Wir verlieren viel öfter als wir gewinnen. Gut möglich, das SportlerInnen dadurch mit Rückschlägen auch entsprechend umzugehen lernen. Als SportlerIn verbringst du zirka 99 Prozent deiner Zeit mit Training, das übrige ein Prozent im Wettkampf. Klar, wo Sieg oder Niederlage entstehen?

Klar, wo du Scheitern lernst? Im Sport lernst du das Scheitern auch schätzen: als entscheidenden Schritt in Richtung Entwicklung. Das ist eine wichtige Trainingsdisziplin, auch bei TAKE THE LEAD, dem Trainingsformat, das wir ganz speziell für Spitzen- und ambitionierte Hobbysportler entwickelt haben.

Was wünschen Sie sich, dass Menschen aus all Ihren Vorträgen, Seminaren, Workshops, Büchern oder aus Ihrem sozialen Engagement mitnehmen sollten?

Wenn sich Menschen nur eine Blume aus dem bunten Strauß aussuchen, sie mitnehmen und jeden Tag gießen, sprich: dieses eine Element in ihren Alltag integrieren und dabeibleiben – dann entsteht der Effekt „kleine Schritte, große Sprünge“ und es hat sich schon gelohnt.