Ueli Steck, Sie sind Extrembergsteiger und einer der weltbesten Solokletterer. Sehen Sie sich als Sportler oder als Abenteurer?

Für mich steht die sportliche Herausforderung an erster Stelle. Extrem ist für mich etwas Unkontrolliertes. Ein Zustand, den ich vermeide. Wenn man sich gut vorbereitet, passiert das nicht. Aber das ist jedem selber überlassen, es gibt Leute, die suchen das Extreme … ich nicht.

Warum stiegen Sie beim ersten Mal auf den Berg?

Mich lockte die Herausforderung, meine Grenzen zu spüren und zu verschieben.

Warum kamen Sie nicht runter und blieben unten, sondern kletterten weiter?

In den Bergen lebe ich mich aus. Ich tue und lasse, was ich will und muss mich einzig und allein nur mit mir selber und dem Berg auseinandersetzen. Das ist eine sehr einfache, direkte Umgebung. Es gibt kein Wenn und Aber, ich muss Entscheidungen treffen und dafür unmittelbar die Konsequenzen tragen. Etwas, was in unserer heutigen Gesellschaft verloren geht.

Es gibt mehr Leute in den Bergen, die probieren, diese Konsequenzen abzuschieben. Das geht zum guten Glück nicht! Wenn du in eine Lawine kommst, bis du selber Schuld – niemand anderes. Wenn du in einen Sturm kommst, war es deine Entscheidung, da oben am Berg zu sein.

Sie gelten als Spezialist für schnelle Begehungen hochalpiner Routen – was hat es damit auf sich?

Ich liebe es effizient und mit möglichst wenig Hilfsmitteln unterwegs zu sein. Je weniger Material ich mitnehme, desto interessanter wird ein Berg!

Ist Bergsteigen nicht anstrengend genug, muss es noch um Tempo gehen?

Es ist jedem überlassen, wie er auf Berge steigt. Ich mag’s, wenn‘s etwas anstrengend ist. Ich brauche das Gefühl, meinen Körper zu spüren. Es ist nichts schöner, als am Abend mit so richtig müden Armen und Beinen einzuschlafen.

Spüren Sie oben einen Gipfelkick?

Gipfel sind für mich nebensächlich. Der Weg, das Klettern als Fortbewegungsmittel sind Sachen, die zählen. Ich halte meistens kaum an auf dem Gipfel und gehe gleich weiter, weil ich mich schon auf den Abstieg freue ... (lacht).

Was ist anstrengender: Aufstieg oder Abstieg?

Weder noch. Es ist eine Frage dessen, wie schnell man geht. Wenn du langsam hochläufst und danach schnell runter, dann ist der Abstieg sehr wahrscheinlich anstrengender! (lacht)

Wie motivieren Sie sich unterwegs, insbesondere auf einer Solotour?

Alleine ohne Seil eine Route zu klettern – ohne Sicherung – das ist die ehrlichste Art, einen Berg zu besteigen.

Wie fühlen Sie sich allein am Berg?

Ich habe keine Probleme, allein am Berg zu sein … sonst würde ich das nicht machen. Im Gegenteil, für mich sind das die eindrücklichsten Momente in meinem Leben.

Was ist, wenn Sie unterwegs mal müssen?

Dann machst du‘s wie zu Hause auch, du hast halt nur keine Toilette.

Was war Ihr bislang größter Erfolg?

Gibt es für mich nicht. Ich beschäftige mich nicht allzu sehr mit dem, was war. Ich setzte mich lieber damit auseinander, was ich noch machen könnte.

Was ist die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung im Leben ist, dass man seinen Weg findet, und probiert, das umzusetzen, was einen persönlich glücklich und zufrieden macht!

Wie trainieren Sie? Wie ernähren Sie sich?

Ich trainiere ungefähr 1.200 Stunden im Jahr. Je nach Projekt variiert das Training. Training ist mein Alltag. Bei der Ernährung achte ich einfach darauf, dass ich möglichst gesund esse und trinke.

Wie sichern Sie sich am Berg ab?

Indem ich mich gut vorbereite und weiß, was auf mich zukommt. So kann ich entscheiden, ob ich die Fähigkeit habe oder ob das Vorhaben eventuell eine Nummer zu groß für mich ist.

Halten Sie unterwegs Kontakt zum Team, zur Familie?

Wenn ich allein am Berg bin, bin ich am klettern.

Wie lange wollen Sie noch klettern?

Solange es mir Spaß macht.

Welche Gipfel stehen auf dem Plan?

Es gibt viele Berge, die ich noch klettern möchte. Alles wird nicht möglich sein, das ist auch gut so, jeder braucht Träume! Wenn uns die Träume ausgehen, ist das Leben nicht lebenswert. Jeder sollte sich bemühen, dass er träumen kann!

Wie erklären Sie, dass Sie einen Berg wiederholt besteigen?

Es ist der persönliche Wettkampf mit mir selbst. Ich probiere, mich weiter zu entwickeln. Dieser Prozess treibt mich an.

Wohin zieht es Sie in den Urlaub: aufs platte Land, an die Küste oder ruft der Berg immer?

Vielfach gehen wir Felsklettern. Dieses Jahr fahren wir nach Indien an den Shivling, einen Gipfel mit etwas über 6.500 Metern.

Welche sportliche Aktivität planen Sie als Nächstes?

Man sollte nicht zu viel darüber reden, was man noch machen will. Besser, man macht's! Mein nächstes höheres Ziel wird mich zurück an den Everest bringen.