„Warum kann es nicht ein einziges Mal einfach sein!? Warum können die Alltagsroutinen mit den Kindern nicht einmal reibungslos funktionieren und dann haben wir Zeit, um es uns noch miteinander schön zu machen?!“ Frau S. merkt, wie sie zunehmend wütend und verzweifelt wird.

Schon am Nachhauseweg von einem langen, anstrengenden Arbeitstag überlegt sie, was alles in der kurzen noch verbleibenden Zeit abends mit ihren beiden Söhnen zu tun ist: die Mitteilungshefte kontrollieren, mit dem Jüngeren Lesen üben, mit dem Älteren den Text für die Schulaufführung durchgehen, Klavier üben, Abendessen, Zusammenräumen, die Kinder ins Bett bringen.

Sie wollte noch gern ein bisschen Zeit haben, um den Kindern vor dem Schlafengehen etwas vorzulesen, um noch ein bisschen etwas voneinander zu haben. Aber, so rechnet sie, das könne sich eigentlich nur ausgehen, wenn alles andere zuvor „ruckzuck“ erledigt werde. 

Unerwartete Widerstände

Natürlich ging es dann nicht „ruckzuck“: Der Jüngere spreizte sich beim Klavierüben und benötigte für die Lesehausübung wesentlich mehr Zeit als eingeplant. Um die verlorene Zeit wieder einzuholen, griff Frau S. auf eine „bewährte“ Strategie zurück: Sie unterstützte den Jüngeren bei allen Tätigkeiten und trieb den Älteren an, gleichzeitig seine Aufgaben selbständig und möglichst effizient zu erledigen.

Der Jüngere war mit dieser Behandlung einverstanden, der Ältere weniger. Letzterer ging statt ins Badezimmer ins Wohnzimmer, legte sich dort auf die Couch und verweigerte, sich je wieder von dieser wegzubewegen. Alle Versuche der Mutter, ihn mit der Aussicht auf das gemütliche Beisammensein beim Vorlesen – sobald er gewaschen und umgezogen im Bett sei – zu locken, prallten an ihm ab. Auch die darauffolgenden Drohungen („Dann lese ich dir auch nichts mehr vor!“) halfen nichts, er blieb sitzen.

Flexible Reaktionen

In fast übermenschlicher Weise gelang es Frau S. irgendwie, noch Kraftreserven bei sich zu mobilisieren und sie beschloss, ihre Vorstellungen von „Quality-Time“ mit ihren Kindern an diesem Abend über Bord zu werfen und sich stattdessen dem zu widmen, was da gerade bei ihrem Älteren los sein mochte. Sie setzte sich zu ihm, strich ihm über den Rücken und bot ihm an, auch ihn – wie zuvor den kleinen Bruder – beim Fertigwerden zu unterstützen.

Sie hatte kaum ein paar Sätze gesprochen, da brach es aus ihm heraus: „Immer sind alle so gemein zu mir!“, und er begann zu weinen. Er erzählte von seinem Vormittag in der Schule, einer unachtsamen Bemerkung seiner Lehrerin, die ihn offensichtlich gekränkt hatte. Am Nachmittag hätte seine geliebte Großmutter dann die ganze Zeit seinen jüngeren Bruder bevorzugt, was dazu geführt hätte, dass der Kleine ihn – aus dem Gefühl des Rückhalts bei der Großmutter heraus – permanent sekkiert hätte.

Und dann hatte er noch eine Diskussion mit seiner Großmutter, im Zuge derer sie ihn als „dumm“ bezeichnet hatte. Es hatte sich also ganz schon viel Ärger bei dem Buben angesammelt, wovon Frau S. vermutlich nie etwas erfahren hätte, hätte der Bub nicht durch seine Weigerung „Sand ins Getriebe“ der Alltagsroutinen gebracht.

Frau S. verstand nun, dass ihre Vorstellung vom Ablauf des Abends und ihre Strategie, zu einer schönen gemeinsamen Zeit mit den Kindern zu kommen, an der inneren Befindlichkeit des Buben ganz vorbeigegangen war, und ihre Wut wich augenblicklich einem Mitgefühl ihrem Sohn gegenüber.

Sie hörte ihm zu, teilte ihm mit, dass sie seine Gefühle nachvollziehen konnte, erzählte ihm von eigenen Erfahrungen in ihrer Schulzeit und dann überlegten sie, dass es vielleicht öfter so ist, dass ihn, wenn er „widerspenstig“ ist, in Wirklichkeit etwas belastet.

Verbindende Erleichterung

Das Vorlesen ging sich an diesem Abend nicht mehr aus, aber trotzdem gingen beide mit einem guten Gefühl auseinander – der Bub, weil er erlebte, dass er mit seinen Gefühlen bei seiner Mutter ankommen konnte; die Mutter, weil sie etwas Bedeutsames über ihren Buben erfahren hatte, weil er sich ihr anvertraut und sie damit die Möglichkeit hatte, für ihn da zu sein. In diesem Moment waren sei einander nah gewesen.

Dieses Beispiel aus meiner Erziehungsberatungspraxis zeigt, dass die meisten Eltern ihren Kindern sehr viel geben möchten: sie möchten sie gut auf das Leben vorbereiten und sie daher unterstützen und fördern, wo es nur geht. Da viele Familien heute in einem sehr engen zeitlichen Korsett leben, erfordert dies zumeist ein hohes Maß an Disziplin und „Funktionieren-Müssen“ – für die Eltern wie für die Kinder.

Und die Enttäuschung ist groß, wenn sich der mühsam erkämpfte Erfolg nicht einstellt: das Kind nicht fröhlich und ausgeglichen (und dankbar), die übrig bleibende Freizeit nicht entspannt und harmonisch ist.

Gemeinsame Zeit

„Quality-Time“ stellt sich oft ganz woanders ein, als wir es erwarten oder gar planen. Auch wenn Frau S. sich Quality-Time mit ihren Kindern ursprünglich anders vorgestellt hat, ist das, was sie in dieser Situation für ihren Sohn leistet, enorm wertvoll, wirkt wie ein Bindungskitt in der Beziehung zwischen ihrem Sohn und ihr.

Sie denkt daran, dass hinter einem bestimmten (zumeist störenden) Verhalten eines Kindes Gefühle stehen, die sie noch nicht kennt, für die sie sich aber interessiert. Sie erkennt ihn an als einen Menschen mit einem seelischen Innenleben, mit eigenen Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Sorgen.

Und sie weiß, dass eine autoritäre Durchsetzung ihrerseits in dieser Situation beim Kind höchstens eine momentane oberflächliche Anpassung dem Stärkeren gegenüber, aber keine wirkliche moralische Entwicklung nach sich ziehen würde.

Gelebtes Verstehen

Die Fähigkeit, einen anderen Menschen und sich selbst als ein Wesen mit geistig-seelischen Zuständen zu begreifen und daher anzunehmen, dass hinter einem bestimmten Verhalten eines Menschen immer bestimmte (bewusste und unbewusste) Gefühle, Bedürfnisse, Gedanken, Sorgen, Befürchtungen etc. stehen, wird als „mentalisieren“ bezeichnet.

Diese Fähigkeit ermöglicht uns etwa, in unserer Wut nicht einfach blind herumzuschlagen, sondern über unsere Gefühle nachdenken und sie so besser kontrollieren zu können. Es bedeutet auch, darüber nachdenken zu können, was in anderen Menschen vorgehen könnte und sich mit diesen darüber austauschen zu können, wie es ihm/ihr und mir selbst geht, was sich jeder wünscht, was ihn/sie stört oder man vom anderen braucht etc., wodurch sich die Wahrscheinlichkeit von glückenden Beziehungen im Privat- und Berufsleben natürlich massiv erhöht. Nicht zuletzt steigt auch die Wahrscheinlichkeit, mit den eigenen Gefühlen ein Leben lang in Kontakt und damit psychisch gesund zu bleiben.

Denken & Fühlen

Spannend ist, dass die Wissenschaft annimmt, dass ein Kind die wichtige Fähigkeit zum Mentalisieren dadurch erwirbt, dass die Eltern bzw. Bezugspersonen es von Geburt an als ein denkendes und fühlendes Wesen ansehen und auch so behandeln. Das Kind wird sich damit seines Innenlebens zunehmend bewusster und kann seine Gefühle immer differenzierter wahrnehmen und benennen.

Natürlich ist ein solches Eingehen auf die emotionale Befindlichkeit des Kindes nicht in jeder Situation möglich, aber es muss immer wieder Zeit dafür geben: Zeit, in der wir dem Kind ohne einen eigenen Anspruch (z.B. es fördern zu wollen) begegnen, Zeit, in der beim Kind – wie bei dem Buben im Beispiel – Gefühle und Gedanken „hochkommen“ können, Zeit, in der diese Gefühle gespürt und ausgesprochen werden dürfen, ohne dass wir uns als Eltern bemüßigt fühlen, sie zu bewerten oder dem Kind (wieder) zu vermitteln, wie es sich zu verhalten hat (was das Kind ja in der Regel ohnehin weiß).

Regelmäßige Updates

Möglicherweise gelingt es uns, solche leistungsfreien – wenn Sie wollen „erziehungsfreien“ – Zeiten im Alltag einzuplanen, etwa abends vor dem Zubettgehen oder beim täglichen Weg in die Schule oder bei längeren Autofahrten, in denen wir (ohne Druck) das Gespräch mit dem Kind darüber suchen, was es zurzeit gerade beschäftigt, wie es ihm in verschiedenen Bereichen seinen Lebens (Schule, Freunde, Geschwister, Eltern, Fußballtraining usw.) geht, was es gerade besonders interessiert, in denen wir dem Kind signalisieren: Ich bin offen für dich, ich bin neugierig auf dich!

Es ist wie ein gegenseitiges „Update“ über die Befindlichkeit des anderen. Dabei bilden sich nicht nur wichtige kognitive und emotionale Kompetenzen beim Kind heraus, sondern auch sein Selbstbewusstsein und die Nähe und das Vertrauen zu seinen Eltern bzw. Bezugspersonen wird gestärkt – eine wichtige Basis, später einmal die „Stürme“ der Pubertät miteinander gut zu überstehen.

Uns Eltern hilft es, uns mit dem Kind identifizieren, das heißt, „es spüren“ zu können. Und Eltern, die ihre Kinder „spüren“ können, fällt es wesentlich leichter, adäquate Erziehungsmaßnahmen zu setzen.

Qualität dank Konflikten

Auch völlig unerwartet ergeben sich im Erziehungsalltag – wie das Beispiel zeigt – Möglichkeiten, qualitativ hochwertige Beziehungsmomente miteinander zu erleben. Paradoxerweise eignen sich gerade Konfliktsituationen mit dem Kind dazu.

Konflikte sind ein wichtiger Bestandteil jeder Liebesbeziehung und für Kinder unter günstigen Umständen ein Motor der Persönlichkeitsentwicklung, nämlich wenn Eltern, wie Frau S., bedenken, dass ein bestimmtes (z.B. widerspenstiges, störendes) Verhalten eines Kindes subjektiv, das heißt im Erleben des Kindes, einen guten Grund hat, und sie dem Kind eine Chance geben, die dahinter liegenden Gefühle und Bedürfnisse (anders) auszudrücken, was nicht heißt, dem Kind alles durchgehen zu lassen.

Wenn auch die Eltern sich die Mühe machen, sich dem Kind zu erklären und wenn Konflikte beim Kind nicht ein Gefühl der Demütigung und Unterwerfung oder den Eindruck hinterlassen, die Eltern enttäuscht zu haben und, das Wichtigste, wenn auf jeden Konflikt eine Versöhnung folgt, arbeiten Eltern sehr wirkungsvoll an einer guten Beziehung.