Das ist los. Die letzte Schwimmstunde vor den Sommerferien. Doch obwohl Schwimmen mein Lieblingsfach ist, hab ich heute überhaupt keinen Bock auf Wasser. Ich will nicht mal auf den Startblock steigen. Das ist merkwürdig. „Hallo-ooo!? Springst du heute nochmal rein?“, meckert es hinter uns. Matt, der Matt-Cho, wie Lil ihn nennt.

Sie blickt angriffslustig nach hinten und öffnet den Mund. Sicher hat sie eine gepfefferte Antwort parat. Immer springt sie ein, um mich zu verteidigen, weil ich in solchen Situationen verstumme wie ein Fisch. Das ist mir stets peinlich. Aber ich habe nie den Mut, selbst zu kontern.

Wortlos drehe ich mich zum Becken und springe rein. Das Letzte, was ich sehe, ist, dass Lil Matt eine Fratze zieht. Endlich bin ich in meinem Element. Hier muss ich mit niemandem reden. Es gibt nichts Schöneres für mich: Seit ich denken kann, fühle ich mich im Wasser geborgen wie nirgendwo sonst. Doch heute ist irgendwas anders.

Ich tauche zum Beckenboden und gleite weiter. Plötzlich fängt mein Hals an zu jucken, dann juckt mein ganzer Körper. Das Jucken wird zum Brennen. Panisch schnappe ich nach Luft, doch ich schlucke nur Wasser. Hilfe! Ich ertrinke! … Ich schließe meinen Mund vor Schreck.

Als ich fürchte, gleich zu zerplatzen, öffne ich ihn wieder und atme. Ich atme! Dabei bin ich unter Wasser! Das Brennen lässt nach. Ich taste meinen Körper ab. Unterm Ohr fühle ich Schlitze, die sich heben und senken. Iiiiih … ich will keine Kiemen!

Was soll ich mit denen? Unter Wasser atmen! Krass! Kyma, die Meerjungfrau! Ich schaue mich um. Wie im Schwimmbad sieht es nicht aus. Wo bin ich? Hilfe! Dann spüre ich einen Stoß. Abrupt drehe ich mich um und höre eine Stimme: „Lady Ariadne!

So passen Sie doch auf, wohin Sie schwimmen!“, schimpft ein Seepferdchen mit mir. „Sorry …“, flüstere ich. Das Tier schaut mich kopfschüttelnd an und schwimmt weiter. Hat es mich etwa verstanden? Und warum nennt es mich Lady Ari… was?

Ich drehe mich nach links, nach rechts. Staunend entdecke ich Fische, Seegras und Korallen. Ich bin in einem Meer! Wie bin ich hier gelandet? Als ich meine Hände hebe, um mir die Augen zu reiben, weil ich nicht glaube, was ich sehe, entdecke ich Schwimmhäute zwischen meinen Fingern. Nein! Das ist ja eklig!

Was noch? Ein Fischschwanz? Vorsichtig schaue ich auf meine Füße. Puh! Keine Flosse! Aber Schwimmhäute zwischen den Zehen. Oh, nein! Nicht Meerjungfrau, sondern Frosch! Na toll! Wie ich so meine Füße betrachte, spüre ich plötzlich eine warme Hand auf meiner Schulter.

Ich wende überrascht den Kopf. Meine langen, feuerroten Haare gleiten langsam vor meinen Augen vorbei. Als die letzten Strähnen die Sicht frei machen, sehe ich einen Jungen. Er treibt wie ich aufrecht im Wasser. So eine Gestalt habe ich noch nie gesehen.

„Kym…“ „…mie! Jetzt wach bitte auf! Du darfst nicht sterben!“

Er schaut mich aus freundlichen grünen Augen an und nimmt meine Hand. Ich spüre etwas Hartes darin. Bevor ich gucken kann, was es ist, sagt der Junge: „Kym…“ „…mie! Jetzt wach bitte auf! Du darfst nicht sterben!“ Der Meerjunge verschwimmt vor meinen Augen.

Ich blinzele und vor mir sitzt Lil. Eine heulende Lil? Wow, das ist neu. Hinter ihr erkenne ich mehr Gesichter, die mich anstarren. Wie peinlich! Die Schwimmmeisterin bittet Lil, mich heimzubringen. In der Umkleide frage ich meine Freundin: „Was ist passiert?“

„Du kannst dich an nichts erinnern?“ „Nein …“, lüge ich, ohne sie anzusehen. „Ich bin gleich nach dir ins Wasser gesprungen. Du lagst auf dem Beckenboden. Hattest die Augen auf und hast geblubbert.“ „Geblubbert?“„Ja. Da kamen Blubberblasen … aus deinem äh … Hals!

Voll spooky! Ich hab‘ dich am Arm raufgezogen. Draußen haben wir dich wiederbelebt …“ „Mund-zu-Mund…?“ „Ja klar. Wie sonst? Du warst bewusstlos!“ „Wer, Lil? Wer hat mich …?“ „Na ich - oder wäre dir Matt lieber gewesen?“ Oh. Mein. Gott. Ich verstehe meine Welt nicht mehr.

Lil blickt immer wieder verstohlen auf meine Hand. Langsam öffne ich meine Finger. Eine Muschel? Ich stecke sie schnell in meinen Rucksack. Zuhause verschließe ich meine Zimmertür und öffne die Muschel. Leer! Wie schade! Plötzlich erkenne ich Zeichen: „Kyma, komm nach Milos! Hilf uns!“, lese ich. Was bedeutet das?

Ich blicke aus dem Fenster des Flugzeugs. Lil schnarcht leise an meiner Schulter. Die letzten Stunden waren für uns beide total aufregend: Als ich Lil und meinen - SCHOCK! - Adoptiveltern, wie ich jetzt besser weiß, die Muschel zeigte, hielten sie mich keineswegs für verrückt, sondern reichten mir ein Flugticket

(Lil bekam auch eins, der Sturkopf wäre sonst sicher heimlich mitgekommen) und eine gepackte Tasche. Ich erfuhr, was sie lange wussten: Dass meine Mutter Ariadne mich als Dreijährige in ihre Obhut gegeben hatte, um mich zu retten. Ich sähe ihr zum Verwechseln ähnlich, sagten sie mir.

Das erklärt zumindest die Worte des Seepferdchens. Meine Mutter wollte damals auf die griechische Insel Milos. Und dort sollte ich an meinem 13. Geburtstag auch hinfliegen. So hatte es meine Mutter gewünscht. Ob Lil und ich sie wohl auf Milos finden? Ich habe so viele Fragen an sie, zum Beispiel, warum sie mich Kyma, die Welle, nannte.

Aufgeschrieben von Doreen (45), erdacht von ihrer Tochter Sara (12)