Frau Dr. Rouha-Mülleder, können Sie uns einen kleinen Einblick geben, wie man sich die Forschung in Ihrem Fachgebiet vorstellen kann?

Rouha-Mülleder: In diesem Forschungsgebiet geht es um Fragen wie: „Wie verhalten sich die Tiere normalerweise  und was für Ansprüche haben sie auf ihre Haltungsumwelt?“ Bei der tiergerechten Haltung untersuchen wir, wie das Leben jedes einzelnen Tieres verbessert werden kann, auch rangniedrigere in einer Herde.

Als Beispiel: Nehmen wir eine Liegefläche, die zwar prinzipiell den Bedürfnissen dieser Tierart entsprechend würde, aber ein rangniedrigeres Tier kommt nicht hin, weil es nur einen Zugang gibt, der von den Ranghöheren versperrt wird. Somit wäre diese Haltung nicht tiergerecht, sie geht nicht auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Tieres ein. In der Forschung arbeitet man unter anderen daran, diese Bedürfnisse zu untersuchen.

 

Frau Dr. Schmied-Wagner, wie sieht die entsprechende Forschung bei Heimtieren aus?

Schmied-Wagner: Da gibt es leider weniger, als man vermuten möchte. Es geht hier darum, wie die Tiere in der Praxis untergebracht sind, wie viel Auslauf sie erhalten, welche Art von Rückzugsmöglichkeiten sie brauchen. Von Hamstern weiß man heute, dass fünf bis zehn Zentimeter Streu zu wenig sind, weil die sich wirklich gerne eingraben und Gänge bauen. Mongolische Rennmäuse brauchen einen dunklen Rückzugsort, da sie sonst Verhaltensstörungen (Stereotypien) entwickeln.

 

Wie gut funktioniert eigentlich die Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Praxis?

Rouha-Mülleder: Das kommt stark auf das jeweilige Thema an. Sehr viele Forschungen werden gerade von der Praxis erbeten, weil Verbesserungen ja gewünscht sind. Manche Ergebnisse werden mit etwas Skepsis aufgenommen, erfordern ein Umdenken und sind zum Teil mit Kosten verbunden. Der Vorteil für Tierhalter in Landwirtschaft und daheim liegt darin, dass das Wohlbefinden der Tiere verbessert wird, was auch ökonomische Vorteile hat.

 

Gibt es Beispiele, worauf man gerade bei Heimtieren öfters vergisst?

Schmied-Wagner: Nehmen wir als Beispiel ein Kind, das sich ein Meerschweinchen wünscht. Der Fehler beginnt dabei, nur ein Meerschweinchen kaufen zu wollen. Das sind soziale Tiere, wie auch Kaninchen, es braucht zumindest zwei Exemplare von der selben Art. Das ist deshalb wichtig, weil es lange üblich war, Kaninchen und Meerschweinchen gemeinsam zu halten.

Dabei sind das Tiere, die sich in ihrem Verhalten stark unterscheiden und sich nicht verstehen. Kaninchen schätzen etwa Körperkontakt sehr, Meerschweinchen nur in Gefahrensituationen. Sie sind daher auch als Streicheltiere nicht gut geeignet.

Rouha-Mülleder: In der Forschung wird darauf geachtet, woher eine Tierart kommt und wie ihre ursprüngliche Lebensweise war. Durch die Domestikation hat sich das Verhalten nicht grundlegend geändert – ein Hausschwein will sich suhlen wie ein Wildschwein, ein Pferd ist auch heute noch ein Fluchttier. Viele Haustiere hören auch heute noch deutlich höhere Frequenzen als wir Menschen, daher bedeutet Lärm für sie Stress. Auch die Rangunterschiede sind wichtig zu beachten, bis hinunter zu den kleinsten Haustieren.

 

Welche Ratschläge haben Sie in diesem Zusammenhang für Tierhalter?

Schmied-Wagner: Es ist nötig, sich im Vorfeld umfassend zu informieren. Man braucht für ein Haustier entsprechend Zeit und auch Platz, das Tier muss tierärztlich betreut werden, es fallen Futterkosten und Pflegeaufwand an. Das sollte man nicht unterschätzen, sonst können die Tiere schnell unglücklich werden und dann hat man auch selbst keine Freude mehr daran.

Es gibt ausreichend gute Literatur und entsprechende Informationen auf guten Seiten im Internet. Tiere sind Individuen mit eigenem Charakter, damit sollte man sensibel umgehen und deren Bedürfnisse in der Tierhaltung berücksichtigen.