Unsere Vorfahren vor einigen tausend Jahren haben sich diese Frage hoffentlich nicht gestellt. Denn das Leben in voller Integration mit der Natur war einfach unreflektierte Freude, wie wir an den selten gewordenen Begegnungen mit unberührten Kulturen auch heute noch mit Überraschung feststellen. Jedenfalls kann man sich nicht vorstellen, dass es damals Begriffe wie Arbeit und Freizeit und schon gar nicht einen Gegensatz zwischen diesen beiden gegeben hat.

Manche von uns, die mit den Technologieschüben der letzten Jahrzehnte mitgelebt haben bzw. in die Technologiewellen der letzten Jahre hineingewachsen sind, empfinden heutige Lebensstile ähnlich.

Relatives Empfinden

Das heißt sie genießen das Leben in einer Fülle von Möglichkeiten, die durch das omnipräsente globale Netz, die Portable Technologies, die Mobile Technologies, die Semantic Technologies, etc. in jedem Augenblick auf uns zukommen und die man „pflücken“ kann oder nicht. Freilich ist dieses Empfinden im Augenblick noch einigen Privilegierten vorbehalten, die sich ihren Lebens- / Arbeits- / Freizeitstil relativ frei gestalten können. Doch kann man dieses Empfinden durchaus als eine neue positive gesellschaftliche Möglichkeit betrachten, die am Horizont als erstrebenswert oder wenigstens diskutierbar erscheint.

Univ.-Prof. Dr. phil. Dr. h.c.mult. Bruno Buchberger
Leiter des JKU Softwarepark Hagenberg

FOTO: Weihbold, OÖN

Wie bei allen fundamentalen gesellschaftlichen Umwälzungen liegt die Beurteilung von technologischen Möglichkeiten und ihrer Benutzung sehr stark im Bewusstsein der Beteiligten. Man kann die Portable Technologies etc. natürlich auch sofort als Bedrohung einstufen und die möglichen Szenarien in ihrem Effekt umdrehen.

Lebenstiländerung

So gibt es natürlich heute viele, die das Verschwimmen der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit als fatal (sowohl für die Freizeit als auch für die Arbeit) empfinden. Dies insbesondere, wenn diese intensive Vermengung aufgezwungen wird oder schleichend den Lebensstil von Menschen so ändert, dass aus der brennenden Begeisterung der Burn-out wird. Da dieses Bedrohungsszenario im Vordergrund der heutigen gesellschaftlichen Diskussion über die neuen Technologien steht (insbesondere auch im Zusammenhang mit der Transformation der gesellschaftlichen Gepflogenheiten der jungen Generation) möchte ich hier dafür plädieren, weit vorausschauend die großartigen Chancen zu sehen, die diese Technologien für eine selbstbestimmte Neugestaltung individueller Lebensstile bietet.

Informationsumgang

Es erscheint mir durchaus möglich, uns „vorwärts zum Paradies“ zu bewegen, in welchem jeder Augenblick als kreativ-gestaltend und evolutionär empfunden wird, ohne dass man überhaupt auf die Idee kommt, gewisse Zeitperioden als „Arbeit“ bzw. „Freizeit“ zu katalogisieren. Dies setzt natürlich einerseits voraus, dass die grundlegenden Mechanismen dieser Technologien in allen Tiefen als Teil der Allgemeinbildung verstanden werden, und andererseits, dass wir lernen, mit einem intensiven Strom an Information als Chance und nicht als Stress umzugehen.

Die Natur hat uns in der Evolution in unserem Nervensystem auch mit Mechanismen ausgestattet (die man heute auch ziemlich präzise als im Thalamus angesiedelt identifizieren kann), um mit intensiven Informationsströmen durch individuelle Unterscheidung und Entscheidung rasch und locker umzugehen. Also „zurück zur Natur“ um „vorwärts zum Paradies“ zu schreiten!