Hohe schroffe Gipfel, eisbedeckte Hänge und steile Felswände – das Karakorum-Gebirge erstreckt sich in seiner wilden Schönheit über den Norden Pakistans und Indiens und den Westen Chinas. Mit seinen vier Achttausendern und 63 Siebentausendern ist es der wohl beeindruckendste Höhenzug der Welt. Im Sommer 2014 stand David Lama inmitten dieser unwirtlichen Natur – vor ihm der 7821 Meter hohe Masherbrum, vielen auch als K1 bekannt. „Wir fühlten uns sofort unwillkommen“, erklärt Lama seine Gefühle zu diesem Zeitpunkt.

Alpines Wunderkind

David Lama ist Sohn einer Innsbruckerin und eines nepalesischen Bergführers. Mit fünf Jahren beginnt er zu klettern, mit 16 Jahren wird er jüngster Weltcupsieger in der Geschichte des Sports. Acht Jahre später gilt er als Extrembergsteiger, der Unmögliches möglich macht. Zahlreiche spektakuläre Erstbegehungen haben ihm diesen Ruf eingebracht. Mit der ersten Begehung des Cerro Torre in Patagonien ohne künstliche Hilfsmittel im freien Kletterstil gelang ihm ein alpinistischer Meilenstein, den selbst Reinhold Messner für unmöglich gehalten hatte. Die Leistung wurde in einem Kinofilm festgehalten, spätestens seither ist der junge Mann auch Menschen bekannt, die mit Klettersport und Alpinismus normalerweise recht wenig am Hut haben.

Der Masherbrum

Der Plan einer solchen Erstbegehung war es auch, der David Lama im vergangenen Sommer nach Pakistan brachte – bereits zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres. Die Nordostwand des Gipfels wurde noch nie von Menschen durchstiegen. Eine Gruppe von Russen, die es 2006 versuchte, musste noch vor Beginn der wirklichen Kletterei umdrehen. Als „unmöglich“ bezeichnete der damalige Expeditionsleiter Alexander Odintsov die markante Nordostwand, die 3500 Meter über den Yermanendu-Gletscher ragt. Das Unmögliche scheint David Lama anzuziehen. Bereits im Herbst 2013 mussten auch er und Peter Ortner unverrichteter Dinge vom Masherbrum abziehen. Grund war eine Verletzung Ortners. Doch der Berg ließ sie nicht los.

Drei Männer gegen eine Wand

Im Juli dieses Jahres standen die beiden Alpinisten wieder dort. Diesmal befand sich der 30-jährige Hansjörg Auer an ihrer Seite. Gemeinsam machten die drei im Winter die erste Winterbegehung des Schiefen Risses an der berüchtigten Sagwand in den Zillertaler Alpen und stellten damit ihre Teamfähigkeit unter Beweis. Das Ziel in Pakistan war dasselbe wie im Jahr davor – eine direkte Linie durch die jungfräuliche Nordostwand des Masherbrum. 3500 Meter voller Fels und Eis und das auf einer Höhe bis knapp unter 8000 Metern.

„Ich glaube nach wie vor daran, dass es möglich ist, durch diese Wand zu klettern. Nirgendwo sonst muss aber alles so perfekt zusammenspielen wie hier.“

Die Startvoraussetzungen hatten sich gegenüber dem letzten Mal allerdings geändert. Dadurch, dass das Team nun aus drei Personen bestand, gab es größere Sicherheitsreserven, sollte etwas Unvorhergesehenes passieren. Außerdem verteilt sich die Aufgabe vorzusteigen auf mehrere Personen und im Falle einer Verletzung ist es einfacher, die betroffene Person zu zweit wieder vom Berg zu bringen.

Neben dem personellen Zuwachs gab es auch noch weitere Änderungen, welche die Chance auf Erfolg bei diesem unkalkulierbaren Projekt zumindest geringfügig erhöhen sollten. Beim ersten Versuch verbrachten Lama und Ortner möglichst viel Zeit unter der Wand, um sich zu akklimatisieren und sie über einen längeren Zeitraum hinweg in Augenschein zu nehmen. Im Sommer entschied sich die Dreiergruppe dafür, ihre Zelte im Basislager unter dem 8051 Meter hohen Broad Peak aufzuschlagen und sich dort an die dünne Luft zu gewöhnen.

Neuer Versuch an der „Wand der Wände“

Als Lama, Ortner und Auer vor Ort waren, wurde ihnen eines relativ schnell klar: Der Masherbrum und seine Nordostwand sind eine Nummer größer als alles was sie bisher in Angriff genommen hatten. Bei ihrem ersten Versuch erreichten sie erstmals den Fuß der bedrohlichen Wand, dort wurden sie durch herabkommende Lawinen zur Umkehr gezwungen. „Wir haben hautnah zu spüren bekommen worauf wir uns mit diesem Projekt einlassen. Wir sind froh, als Team die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben.“ Weitere Versuche blieben Lama und seinen Partnern aufgrund der Bedingungen verwehrt; verhinderte zuerst das Schlechtwetter den Aufstieg, war es später Neuschnee. Geläutert von den Dimensionen des Vorhabens und mit neuen Erkenntnissen im Gepäck mussten die Alpinisten erneut unverrichteter Dinge die Heimreise antreten.

„Ich glaube nach wie vor daran, dass es möglich ist, durch diese Wand zu klettern. Nirgendwo sonst muss aber alles so perfekt zusammenspielen wie hier,“ sagt der 24-jährige Lama. Die Möglichkeit einer Rückkehr zur „Wand der Wände“ lässt sich das Team offen, das Projekt soll nun aber zumindest für ein Jahr ruhen, 2015 will man sich anderen Projekten widmen.