Mag. Dr. Helmut Friessner
Vorsitzender des „Vereins zur Verzögerung der Zeit“ - www.zeitverein.com

Dem Afrikaforscher Livingston verdanken wir die Geschichte von den schwarzen Trägern im Urwald, die nach tagelangen Märschen plötzlich zurückgeblieben sind. Ihre Begründung: „Unsere Seele ist noch nicht nachgekommen, jetzt müssen wir warten, bis sie uns wieder einholt!“ Diese tiefgründige Einsicht möchte ich den nachfolgenden Gedanken zum  lockeren und luftigen Sommer voranstellen.

Bietet denn die erwachende warme, leichte und helle Jahreszeit nicht die besten Voraussetzungen, wieder einmal jene Muße zu entdecken, die uns vom herrschenden Zeitgeist so gnadenlos ausgetrieben wird? Findet sich – mit ein wenig Glück - nicht gerade jetzt die Gelegenheit, nach der Mühle des hektischen Getriebenseins  - sowohl in der Arbeit als auch in der Freizeit – endlich einmal wirklich „eine Siesta zu machen“, innezuhalten, zu sich zu kommen, seine Seele zu ergründen, sich selbst zu finden? Sich zu fragen, was man wirklich, wirklich will.... (© Frithjof Bergmann)?


Den stressigen Alltag entfliehen

Wie aber der Gefahr widerstehen, die beinahe unerträgliche Beschleunigung in der Arbeit auch in die Freizeit mitzunehmen? Das Kilometerpensum eines Fernfahrers in einen kurzen Urlaub zu packen, den gesellschaftlichen Zeit- und Leistungsdruck bis in die Berge mitzutragen? Oder den Sommer mit Events vollzustopfen, um am ersten Herbststammtisch eine eindrucksvolle Leistungsschau anbieten zu können? 

 

„Wer keine Zeit hat, hat nichts zu lachen - und zum Genießen kommt er erst recht nicht!“

 

Möglichkeiten zur Entschleunigung und zur Wiederentdeckung eines einigermaßen sinn- und genussvollen Lebens gäbe es ja genug: Z.B. nicht in die Falle zu tappen und alles und jedes Sommerliche zu verplanen! Vielleicht wieder mehr Spontanes zuzulassen und – ganz wichtig - den Spaß nicht zu kurz kommen zu lassen („Gibt es ein Leben vor dem Tod?“)! Eventuell sich auf das eine oder andere Experiment einzulassen!? Auch einmal dem (vermeintlich) Unnützen zu fröhnen, zu träumen... und natürlich das Feiern nicht zu kurz kommen zu lassen! Den schlichten Genuss des Einfachen wiederzuentdecken? Selbst die hochgestochene Kulinarik lässt sich zur Abwechslung trefflich auf einfaches Kochen mit Freunden umprogrammieren, wenn man will!

 

Das Glück der Bescheidenheit

Wie wäre es außerdem die persönlichen (hoch)sommerlichen Erwartungen insgesamt etwas zurückzuschrauben? Nicht etwa, um sich so um Genüsse und Freuden zu bringen, sondern um nicht unter falschen Druck zu geraten. Um vielleicht den Augenblick bewusster genießen zu können. Auch ist weniger oft mehr! Nicht überall gleichzeitig sein wollen! Und Vorsicht vor Multitasking: Wenn du isst, esse, wenn du liest, lese, lehren uns die Buddhisten.


Nicht zu vergessen: Unser digitales Leben! Es bietet Entschleunigungsmöglichkeiten ohne Ende und – wie uns die Afrikaner zeigen – Chancen, bei sich und nicht woanders zu sein: Einmal das Handy weglegen? Eine Online-Auszeit einlegen, auch wenn im Heftinneren tolle portable Internetlösungen für unterwegs winken? Vielleicht – wenn es nicht gerade um die Dokumentation einer interessanten Fernreise geht – einmal „Fotofasten“? Versuchen, die Welt nicht nur via technischer Hilfsmittel wahrzunehmen, sondern wieder einmal ganz unmittelbar! Auch im Sinne von mehr Zwischenmenschlichem, ja, nennen wir es beim Namen: Mehr (Zeit für)


Liebe! Sommer, ganz direkt!

Übrigens: Ein solcher Sommer lässt sich ohne Weiteres bis hinein in den Hochwinter und überhaupt bis ans Ende unserer Tage verlängern... Einen schönen Sommer wünscht Ihnen