Die schonungslos und ungeschönt Realität auf Distanz dokumentiert und erhielt für den ersten Teil „Paradies: Liebe“ den österreichischen Filmpreis. Heuer gibt es seinen neuen Film „Im Keller“ in den Kinos, doch zuvor kommt erst noch der Sommer...

 

Ihre Filme spielen oft im Sommer, wie z. B. bei „Hundstage“ oder „Paradies: Liebe“ – ist Sommer für Sie etwas Schönes?

Ich bin kein Mensch, der dann glücklich ist, wenn es schön ist, um es mal umgekehrt zu beantworten. Ich mag den Sommer und ich mag genauso gern den Winter. Ich finde nicht, dass es das Glücklichste ist, in größter Hitze am Strand zu liegen. Das sind nicht meine Sehnsüchte. Sowohl Sommer wie Winter haben ihre Besonderheiten. „Hundstage“ spielt im Sommer auch deswegen, weil die extreme Hitze Teil der Geschichte war.

Hitze bringt die Emotionen der Menschen zum fließen. Hitze setzt Menschen manchmal unter Druck, da brechen Dinge hervor, die sich sonst vielleicht nicht zeigen würden. In der Hitze verlieren Menschen immer wieder die Fassung und das ist für den Film interessant. In „Paradies: Liebe“ geht es um verloren gegangene Liebe und die Sehnsucht danach, nach Erfüllung von Liebe und Sexualität. Der Begriff des Paradieses wird oft mit Sommer, Sonne, Strand und Meer assoziiert und von der Tourismusbranche gebraucht und missbraucht.

 

Sommer verbindet man mit schönen Orten und schönen Körpern – ist deshalb die Sommerzeit als Kulisse für Ihre Filme besonders geeignet? Es geht darin ja auch um die Reisezeit, Massen- und Sextourismus...

Nach meinem Befund leben wir in einer geschönten Medienwirklichkeit. Das äußere Bild, mit dem wir leben, und das innere, mit dem unsere Sehnsüchte verbunden sind, stimmen überhaupt nicht überein. Die Realität schaut ja ganz anders aus. Aber offensichtlich braucht der Mensch die Illusion; mit ihr lebt es sich leichter als mit der Wahrheit. Und das Geschäft braucht auch die Illusion, die sie verkaufen kann.

Der Tourismus und der Sommer ist ja zu einem hohen Grad auch einfach ein Geschäft: Man versucht, die Sehnsüchte der Menschen zu verwerten, um damit Geschäft zu machen und entwertet das Reisen auf reine Konsumierbarkeit. Man darf sich aber seine eigenen Sehnsüchte nicht nehmen und kategorisieren lassen. Ich als Mensch bin nicht käuflich für Sehnsüchte, die mir angetragen werden.

 

Sie möchten Sehnsüchte aufzeigen und mit verhaltener Poetik adeln Sie in Ihren Filmen Tristesse. Ist Ihnen an der Vermittlung von der Schönheit des Alltäglichen, des Gewohnten gelegen?

Mir ist es in meiner Arbeit ein Anliegen, die Dinge zu hinterfragen und nicht den Schein, sondern die Wirklichkeit abzubilden. Sie ist, wie gesagt, verlogen, sie ist gemacht. Meine Filme versuchen, dahinter zu schauen, was letztendlich für die Zuschauer, die sich darauf einlassen, auch beglückend sein kann. Zunächst vielleicht unangenehm, später vielleicht erkenntnisreich, weil man etwas versteht im Vergleich mit sich selbst.

Wenn ich Körper des Durchschnittsmenschen zeige, dann wird man sehr schnell sehen, dass der durchschnittliche Mensch ganz anders ausschaut, als es uns in Bildern durch die Medien tagtäglich vorgespielt wird. Und das ist nicht hässlich, sondern normal. Der Mensch schaut eben so aus.

 

Machen Sie diese Art realistischen, dokumentativen Film, weil Sie die alltägliche Gegenwart sehen und den Menschen damit konfrontieren wollen oder weil Sie alles mit Illusionen behaftete ablehnen?

Nein, meine Filme sind deshalb so nahe an der Wirklichkeit, damit die Zuschauer sich identifizieren können und sich letztendlich, wenn sie die Filme anschauen, auch als ein Teil dieser Gesellschaft begreifen. Man könnte die dargestellten Leute in den Filmen auch kennen. Es ist keine Illusion der Welt, wo man dann aus dem Kino geht und weiß, das hat mit mir nix zu tun – im Gegenteil: man muss erkennen, es hat mit mir zu tun.

Deswegen mache ich so realistische Filme, die verschiedenste Menschen zeigen, mit allen ihren Unzulänglichkeiten, ihren Obsessionen, differenziert und vielschichtig. Und dabei ist es ganz wichtig, dass man als Mensch Sehnsüchte hat, sich nach Dingen sehnt. Wenn man keine Wünsche mehr hat, was ist das Leben dann noch wert?


Tangiert ihr neuer Film „Im Keller“ einen Aspekt von Sommer? Wann kommt er in die Kinos?

Vor Jahren, als ich für „Hundstage“ recherchierte, hab ich viele Einfamilienhäuser angesehen – die fortschreitende Zersiedelung Österreichs ist meiner Meinung nach ebenfalls eine Folge induzierter Sehnsüchte und vorgetäuschter Normen – und bemerkt, dass die Kellerräumlichkeiten oft viel großzügiger angelegt sind als die Wohnräume. Man geht offensichtlich in der Freizeit in den Keller.

Unter anderem hab ich auch Keller gefunden, die einen Zugang zum Garten hatten. Wenn es sehr heiß war, sind die Leute in den Keller gegangen, um in Liegestühlen zu sitzen und zu rauchen und zu trinken...  Ich weiß noch nicht, auf welchem Festival der Film Premiere haben wird. Sicher ist, dass er im Herbst in die Kinos kommen wird.

 

Haben Sie Lust auf Sommer?

Natürlich! Ich hab Lust auf die Thaya im Waldviertel und ich hab auch immer Lust auf’s Meer, mindestens einmal im Jahr!