Uwe Knop
Ernährungswissenschaftler und Autor

Viel wichtiger sei es, auf den eigenen Körper zu hören und nur das zu essen, worauf man Lust hat – wenn man echten Hunger hat.

 

Sie provozieren gerne mit Aussagen wie „Gesunde Ernährung ist ein modernes Märchen”, wie begründen sie das?

Das basiert darauf, dass es keinerlei Beweise dafür gibt, was gesunde Ernährung sein soll. Die Wissenschaft hat dazu nur Vermutungen und Hypothesen hervorgebracht, niemand weiß jedoch, was eigentlich gesunde Ernährung sein soll. Die wissenschaftlichen Forschungen zu diesen Themen gründen auf Beobachtungsstudien, die nur statistische Zusammenhänge, aber niemals Ursache-Wirkungs-Beziehungen, liefern.

 

Worauf sollte man also stattdessen bei der Ernährung achten?

Machen Sie sich frei von den ganzen Ernährungsregeln, die irgendwo zu hören und zu lesen sind. Vertrauen Sie ihrem Körper. Essen Sie dann, wenn Sie echten Hunger haben, und essen Sie dann das, worauf Sie Lust haben. Abends keine Kohlenhydrate, morgens unbedingt ausgiebig frühstücken: Vergessen Sie diese Regeln, sie haben keinerlei Gültigkeit. Der Einzige, der weiß was Sie wirklich brauchen, ist Ihr Körper. Der Körper sollte das Maß aller Dinge sein, unabhängig davon, was gesund oder ungesund sein soll.

 

Das ist auch das, was sie unter kulinarischer Körperintelligenz verstehen?

Der Begriff der kulinarischen Körperintelligenz ist ein Kunstbegriff, mit dem ich das Nahrungsgedächtnis des Körpers beschreibe. Wir haben ein Darmgehirn und ein Kopfgehirn, zusammengenommen ein Riesengedächtnis. Der Körper lernt mit der Zeit, was gut und schlecht für ihn ist, er kennt den Wert der Nahrung am besten. Das ist natürlich bei jedem Mensch höchst individuell.

 

Was ist denn so schlimm daran, sich nach einer gesunden Ernährung zu richten?

Wenn man versucht, sich primär nach dem vermeintlichen Ernährungswissen zu richten, dann verliert man den Kontakt zum eigenen Körper. Das kann bis zu einer psychischen Erkrankung gehen: Die Leute haben ein zwanghaftes Bedürfnis, sich gesund zu ernähren. Es gibt genügend Leute, die ihre Ernährung zu einer Ersatzreligion erhoben haben, das ist eine hochideelle und emotionale Diskussion. In abgesättigten Gesellschaften wie der unseren ist das ein Phänomen. Wir leiden keinen Hunger mehr und leben im Überfluss. Bei vielen Menschen erzeugt das eine gewisse Leere, die gefüllt werden muss mit einer Ideologie. Das ist eine Profilierungsgeschichte: Ich bin, was ich esse.    

 

Wenn man nun aber beispielsweise überzeugter Vegetarier ist, ist da ja nichts Falsches daran.

Wenn man nicht möchte, dass ein Tier für die eigene Nahrung stirbt, dann ist das nachvollziehbar und absolut berechtigt. Auch wenn man beispielsweise Bio isst, weil man damit regionale Bauern unterstützen möchte, dann geht das natürlich auch ethisch und moralisch begründet. Bei einer Pseudowissenschaft aber, wenn man beispielsweiser hört, dass die Vegetarier gesünder leben und später sterben, dann ist das etwas anderes. Hier herrscht Glaube vor Wissen, denn es gibt keinerlei Beweise, wieso eine bestimmte Weise von Ernährung schlank, dick, krank oder gesund macht. Rein statistisch betrachtet ist es ja so, dass Übergewichtige die höchste Lebenserwartung haben. Im Prinzip müsste man also, wenn man treu nach Schema geht, eine Kampagne für moderates Übergewicht lancieren. Das tut aber keiner.

 

Statt dessen gibt es die „5 am Tag“ - Kampagne und viele weitere für einen gesunden Lifestyle?

Die derzeit größte Ernährungsstudie EPIC hat herausgefunden, dass es keinen Zusammenhang zwischen Krebsentwicklung und dem Konsum von Obst und Gemüse gibt. Aber genau auf dieser Annahme beruht die „5 am Tag“-Kampagne. Sie kann nur bis heute keinerlei Nutzennachweise bieten, eine absolute Luftnummer ohne Beweise. Das ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie die Industrie ins Spiel kommt, die ja ein grosses Interesse hat, diese Kampagne weiterzuführen – denn die Menschen sollen weiter viel Obst und Gemüse kaufen, weil es ja „so gesund“ ist. Da ist auch viel Geld im Spiel.